#466 Fokus als strategischer Wettbewerbsvorteil – Warum Führungskräfte ein magnetisches Ziel brauchen
Fokus als strategischer Wettbewerbsvorteil – Warum Führungskräfte ein magnetisches Ziel brauchen
René Esteban im Interview mit Niels Brabandt
In einer Zeit permanenter Transformation stehen Führungskräfte unter einem enormen Druck: neue Technologien, steigende Kundenerwartungen, Effizienzprogramme und parallel dazu der operative Alltag. Viele Organisationen glauben, fokussiert zu arbeiten. Doch im Gespräch mit René Esteban zeigt sich eine unbequeme Wahrheit: Fokus ist selten ein Zustand. Fokus ist eine Führungsentscheidung.
Im Leadership Podcast und Videocast von Niels Brabandt erläutert René Esteban, CEO von Focus First und ehemaliger Global Head of E-Commerce bei Merck, warum selbst hochprofessionelle Organisationen Schwierigkeiten haben, ihre Energie konsequent auf das Wesentliche auszurichten.
Warum Fokus keine operative, sondern eine strategische Frage ist
René Esteban betont, dass der zentrale Fehler vieler Organisationen nicht in mangelnder Kompetenz liegt, sondern in mangelnder Klarheit über das eigentliche Ziel. Führungskräfte definieren Initiativen, Programme und Maßnahmen, ohne ein klares, übergeordnetes Ziel zu formulieren, das Orientierung und Priorisierung ermöglicht.
Dieses übergeordnete Ziel beschreibt Esteban als ein magnetisches Ziel. Ein magnetisches Ziel ist kein operativer Plan, sondern ein strategischer Nordstern. Es erzeugt Orientierung, Energie und Entscheidungsfähigkeit. Während sich operative Pläne aufgrund externer Veränderungen anpassen müssen, bleibt das Ziel konstant. Diese Stabilität ermöglicht es Organisationen, flexibel zu handeln, ohne ihre Richtung zu verlieren.
Das One Goal als Kern wirksamer Führung
Ein zentrales Konzept von René Esteban ist das sogenannte One Goal. Dieses One Goal definiert den eigentlichen Zweck aller Initiativen, Programme und Maßnahmen. Es beantwortet die entscheidende Frage: Worauf zahlen unsere Aktivitäten tatsächlich ein?
Ohne ein klares One Goal entstehen fragmentierte Organisationen. Teams arbeiten hart, aber nicht notwendigerweise in dieselbe Richtung. Die Folge sind ineffiziente Ressourcennutzung, Frustration und strategische Inkonsistenz.
Mit einem klar formulierten One Goal hingegen entsteht Kohärenz. Entscheidungen werden schneller, Prioritäten klarer und Mitarbeitende verstehen den Sinn ihrer Arbeit. Führung wird dadurch nicht einfacher, aber deutlich wirksamer.
Warum KI-Initiativen häufig scheitern – und was Führungskräfte daraus lernen müssen
Ein besonders aktueller Aspekt des Gesprächs zwischen Niels Brabandt und René Esteban betrifft die Einführung von künstlicher Intelligenz in Organisationen. Viele Unternehmen investieren erheblich in KI-Technologien, ohne den notwendigen strategischen Kontext zu schaffen.
René Esteban beschreibt dieses Problem als Trust Gap. Mitarbeitende vertrauen den neuen Systemen nicht ausreichend oder verstehen deren strategische Bedeutung nicht. Gleichzeitig behandeln Führungskräfte KI häufig als technisches Werkzeug statt als grundlegende Veränderung der Wertschöpfung.
Der entscheidende Erfolgsfaktor ist nicht die Technologie selbst, sondern die Führungsfähigkeit, Klarheit über Ziele zu schaffen und Vertrauen in die Transformation aufzubauen.
Diagnose vor Aktion: Warum erfolgreiche Führung mit Wahrnehmung beginnt
Ein weiteres zentrales Element wirksamer Führung ist die Diagnosephase. Bevor Organisationen neue Initiativen starten, müssen sie verstehen, wo sie aktuell stehen. René Esteban beschreibt diesen Schritt als Perceive: Wahrnehmen ohne vorschnelle Bewertung.
Diese Phase ermöglicht es Führungskräften, die tatsächlichen Herausforderungen, Erwartungen und Stakeholder-Interessen zu verstehen. Erst auf dieser Grundlage können wirksame Strategien entwickelt werden.
Was Führungskräfte jetzt konkret tun müssen
Das Gespräch zwischen René Esteban und Niels Brabandt macht deutlich, dass Fokus keine operative Technik ist, sondern eine Führungsdisziplin. Führungskräfte müssen:
– ein klares, magnetisches Ziel definieren
– alle Initiativen konsequent auf dieses Ziel ausrichten
– Vertrauen in Transformationsprozesse aktiv gestalten
– Diagnose vor Aktion setzen
– Technologie als strategisches Instrument und nicht als Selbstzweck verstehen
Organisationen, die diese Prinzipien umsetzen, schaffen einen nachhaltigen Wettbewerbsvorteil. Sie handeln schneller, konsistenter und wirksamer.
Fazit: Fokus ist die Kernkompetenz moderner Führung
Das Interview zwischen René Esteban und Niels Brabandt zeigt eindrucksvoll, dass Fokus nicht durch mehr Aktivität entsteht, sondern durch strategische Klarheit. In einer komplexen Welt ist die Fähigkeit, Prioritäten konsequent zu setzen, der entscheidende Unterschied zwischen Organisationen, die reagieren, und Organisationen, die gestalten.
Führung beginnt nicht mit Maßnahmen. Führung beginnt mit Klarheit.
Niels Brabandt
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Mehr zu diesem Thema im dieswöchtigen Podcast und Videocast: mit Niels Brabandt: Videocast / Apple Podcasts / Spotify
Das Transkript zum Podcast und Videocast befindet sich unter diesem Artikel.
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Niels Brabandt ist Experte für Nachhaltige Führung (Sustainable Leadership) mit mehr als 20 Jahren Erfahrungen in Praxis und Wissenschaft.
Niels Brabandt: Professionelles Training/Seminare/Workshops, Speaking/Vorträge, Coaching, Consulting/Beratung, Mentoring, Projekt- & Interim-Management. Event Host, MC, Moderator.
Podcast und Videocast Transkript
Niels Brabandt
Fokussiert sein, fokussiert arbeiten. Und viele werden sagen: "Ja, das hätten wir gerne, das machen wir auch." Also abgesehen davon, wenn gerade was passiert oder wenn ein Strategiewandel ist oder wenn die Geschäftsführung eine neue Idee hat oder wenn das Tagesgeschäft einfach reinkommt. Aber neben dem sind wir fokussiert. Und dann merken viele: "Okay, vielleicht sind wir gar nicht so fokussiert, wie wir sein sollten." Und damit das besser wird, da haben wir heute einen exzellenten Gast. Herzlich willkommen, Rene Esteban.
René Esteban
Na, hallo, grüß dich, Nils. Schön, dass ich hier sein darf.
Niels Brabandt
Ja, danke schön, dass du dir die Zeit genommen hast. Du weißt ja, ich prüfe meine Gäste sehr genau. Also du bist jetzt niemand, der irgendwie aus der Theorie hier spricht. Früher Global Head auf E-Commerce bei Merck. Du hast selber in diesen Umfeldern gearbeitet, die wirklich schwierig sind.
Niels Brabandt
Heute bist du CEO von Focus First, Focus First. Was genau macht ihr, wie genau helft ihr Organisationen, dass sie fokussierter werden? Weil ich habe auch eine gute Liste gesehen. Wenn du siehst, also EON, Merck, BASF, Lancet, Commerzbank, das sind ja keine Firmen, die so ganz schnell Aufträge vergeben.
René Esteban
Nee, das stimmt, das stimmt. Und diejenigen, die uns die Aufträge vergeben, die haben in den meisten Fällen wirklich auch sehr hohe Verantwortung und wollen auch wirklich was Gutes erreichen. Aber dann kommt das Tagesgeschäft. Und dann kommen die Stakeholder und dann kommen die Prozesse und die Mitarbeitenden. Und alles ist richtig und alles ist gut, aber man kann nicht alles gleichzeitig machen.
René Esteban
Also was wir konkret machen, ist: In den meisten Firmen kommen wir rein und finden erst mal heraus, wo steht jetzt eigentlich die Organisation, Status quo. So eine Diagnose, die wir dann machen, wir nennen das bei uns intern Perceive. Also wir nehmen erst mal wahr, wir beurteilen nicht und finden dann auch dann mal heraus, wir sind eigentlich so die wichtigsten Key-Stakeholder, die am Ende den Daumen hoch oder runter machen: War es erfolgreich oder war es nicht erfolgreich?
René Esteban
Das Projekt, die Organisation, dieses Vorhaben, diese Initiative. Und ja, basierend darauf dann finden wir heraus, was dann das richtige Ziel sein könnte. Das Ziel ist oft schon da, das hat der Executive ja im Kopf oder hat das als Mandat. Aber weißt du, wir formen dann noch mal so ein bisschen, dass das, was in dem Kopf und im Herzen vom Executive ist, wirklich gut landet bei der Belegschaft, bei den Teams und bei den Stakeholdern und bei dem Management.
René Esteban
So, und da unterstützen wir diesen Prozess, diese Orchestrierung, weil ehrlicherweise, ich glaube, sehr viele Executives könnten das wahrscheinlich auch selber. Allerdings das Tagesgeschäft und auch die Rolle selber ist, das ist fast unmöglich, das so in eine Art hinzubekommen. Und da helfen wir.
Niels Brabandt
Sehr schön. Was ist, wenn du jetzt sagst, es wird ja mit Sicherheit Leute geben, die euch sagen: "Herr Esteban, alles gut, alles schön. In unserer Branche ist das nun mal so, es passiert jeden Tag was. Völlig egal, was Sie mir erzählen. Wir werden einen Plan haben. Und wie schon Mike Tyson sagte: "Everyone has a plan until you get punched in the face."
René Esteban
In the face, ja.
Niels Brabandt
Genau. Also wie sorgst du dafür, dass Leute das annehmen und nicht sagen: "Komm, wissen Sie, Herr Esteban, in unserer Branche ist es halt so, wir versuchen, Fokus zu setzen, aber alle zwei Tage fliegt der woanders hin."
René Esteban
Ja, ich glaube, der Unterschied ist genau das, was du gerade gesagt hast. You can't have a plan until the reality punches into your face. Wenn du das aber umdrehst und sagst: "Es geht ja gar nicht um den Plan, wo wir helfen, es geht eher darum, was das Ziel ist." So, und das Ziel sollte eigentlich schon gleich sein. Wenn nicht, dann würde ich fragen, warum der Leader auf dieser Stelle ist. Ein Leader hat ein Ziel, er muss ein magnetisches Ziel erschaffen, um dorthin zu gehen.
René Esteban
Der Plan ändert sich. Lass uns das mal übertragen in so eine Analogie von: Wir wollen jetzt einen Berg beklimmen. Wenn es ein kleiner Berg ist oder ein kleiner Hügel von 500 Leuten, ganz ehrlich, Nils, wir beide laufen jetzt los, da brauchen wir nicht wirklich großartige Skills dafür, keine tolle Kommunikation, auch kein großartiges Mindset. Wir ziehen einfach die Schuhe an und laufen los.
René Esteban
Wenn das Ziel aber ist, es wird jetzt der K2 oder es wird der Mount Everest oder es wird, machen wir mal ein bisschen weiter runter, es wird zum Beispiel der Mont Blanc, der ist über 3.000 Meter, da brauchst du ganz andere Skills, weil dann bist du in Höhenmetern, da darfst du dich mit Eis auskennen, da hast du dann andere Tools. Und der Plan, den du hast, um dort hochzukommen, den machst du dir, aber das Wetter ändert sich die ganze Zeit.
René Esteban
Also das heißt, natürlich darfst du ein Ziel haben, du willst da oben drauf auf diese Spitze, aber der Plan ändert sich, das ist ganz klar. Und das hinzubekommen und auch rüberzubringen, dass es okay ist, dass sich Pläne ändern, das Ziel aber nicht, das ist das, wo wir, glaube ich, ganz gut beitragen können.
Niels Brabandt
Sehr gut. Aber jetzt hast du gerade ein wunderschönes Wort gesagt, nämlich magnetische Ziele. Die Frage ist, wie bekomme ich das hin?
Niels Brabandt
Wenn Executives jetzt den Leuten sagen: "Ja, wir müssen unsere Kunden extrem gut zufriedenstellen, die Absatzzahlen müssen logischerweise stimmen. Natürlich muss der Vertrieb ganz großartig sein. Wir müssen ein neues CRM eventuell einführen, müssen die Host-Systeme ablösen im Bankenwesen. Ach ja, und wichtig, AI haben wir auch noch. Das müsste nebenbei auch noch mal irgendwie am besten überall eingeführt werden.
Niels Brabandt
Wie kann man dafür sorgen, dass ein Ziel magnetisch wird? Wenn Leute sagen: "Weißt du was, ich kriege ja nicht alle zwei Tage ein neues Ziel hier genannt oder einmal im Monat, und dann rennen wir hier längs, dann rennen wir wieder da längs."
Niels Brabandt
Wie schaffe ich es, dass Ziele magnetisch werden? Und zwar nicht nur für die Executives, die logischerweise eine Motivation dafür haben, sondern für die Mitarbeitenden, die es nachher umsetzen müssen.
René Esteban
Also ich würde dann fragen: Worauf sollen diese Ziele denn einzahlen? Und das ist alles richtig. Das sind ja eigentlich Maßnahmen, die du gerade auch genannt hast. Objectives, die hilfreich sind und die auch nutzwertig sind und auch wirklich auch helfen, das ist vollkommen okay. Aber worauf zahlt das denn ein? Warum machen wir das denn Ganze? Warum machen wir den ganzen Spaß?
René Esteban
Das ist ja nicht, weil heute ist Freitag und wir überlegen uns: "Hey, tolle Idee, wir machen mal ein neues Projekt." Das hat ja einen Grund. Und das herauszufinden, warum diese ganzen Initiativen da sind oder auch nicht da sein sollten, so ein Focus Exercise vielleicht noch mal zu machen, das ist das, wo wir dann entsprechend dann reingehen.
René Esteban
Lass mich das an so einem Beispiel machen. Jede Organisation kriegt von oben ganz viele Objectives: Mach das, mach deine Organisation schlanker oder mach die Menge weiter, die ist eingestaubt.
Niels Brabandt
Lean Management, agile Methoden, einfach. So,
René Esteban
genau. You name it. Also wir kennen diese typischen Anforderungen oder auch die eigenen Wünsche, die Organisation in eine bestimmte Richtung zu bringen. Aber wofür? Worauf zahlt das denn ein? Und das ist etwas, was wir bei Focus First nennen: Was ist das One Goal, was du erreichen willst?
René Esteban
Das One Goal ist etwas, wo du, lass uns das mal für das mal zurücknehmen und wir gehen mal zum Beispiel zu Apple, als das iPhone den Markt erreicht hat, sozusagen, wo Steve Jobs da stand, hat es hochgehalten. Das ist so ein One Goal. Hey, ich habe eine Vision, ich werde ein Phone kreieren, wofür man keine Tastatur braucht, sondern man hat es immer dabei, den Finger, wo man drauf tippt. Man braucht auch keinen Stylus, Stift, also diese Dinge, die es gar nicht mehr gibt, glaube ich. Sondern man hat den immer dabei, das ist der Finger, das ist klasse. So, das ist dieses One Goal, was man erreichen will.
René Esteban
Da drunter, um dahin zu kommen, jetzt kann man nicht zu der Research and Development sagen: "Das ist jetzt das und jetzt legt mal los, macht mal einfach." Oder Marketing: "Jetzt legt mal los, macht mal einfach." Das geht nicht. Das heißt, du brauchst deine Objectives und das ist alles richtig und gut. Aber worauf zahlt das denn ein? Auf ein Deliverable, auf ein Produkt, auf einen bestimmten Markt, den man erreichen möchte, einen bestimmten Reifegrad, den man als Organisation erreichen möchte, um nicht mehr eingestaubt zu sein, nicht mehr fett zu sein, nicht mehr träge zu sein. Oder man möchte more skilled Teammember haben. Man hat ja ein bestimmtes Ziel, was man erreichen möchte damit.
René Esteban
So, und dann gibt es dann die Maßnahmen. Das sind die Objectives. Alles fein, alles richtig. Da drüber braucht es ein One Goal, das magnetisierend ist. Und wenn du mir das noch erlaubst, das noch zu sagen: Warum ist das eigentlich wichtig? Wenn wir das mit dem Berg wieder nehmen, wenn du sagst: "Wir wollen auf den Hügel." Ehrlicherweise, also ich weiß nicht, wie die meisten ticken, aber für mich wäre das nicht motivierend. Da würde ich sagen: "Ja gut, können wir morgen machen, heute, keine Ahnung, lass uns irgendwann mal losgehen." Aber wenn es heißt: "Wir bereiten uns vor und es ist wirklich wichtig." Das heißt, für mich persönlich ist es wichtig, dass wir beide auf den Mont Blanc gehen, weil da oben ist irgendwas. Da ist das, was wir ja dann erreichen wollen, was immer das für den Menschen ist, was er da erreichen will. Ja, dann ist das ja für mich motivierend, dann ist das ja inspirierend für mich. Und das brauchen wir.
René Esteban
Wir brauchen ja Energie, dass wir erst mal aufstehen, erster Punkt. Und dann brauchen wir den Fokus, in die richtige Richtung zu laufen. Das heißt, du brauchst immer diese zwei Sachen. Und was mir auffällt im Alltag, in der Zusammenarbeit mit Organisationen: Sehr oft hast du eine Sache, aber nicht die andere Sache. Das ist aber doof, weil wenn du jetzt zum Beispiel nur Inspiration hast und sagst: "Ja, du schaffst es, deine Leute zu motivieren für etwas, aber die wissen nicht, wohin sie laufen sollen", dann hast du hochmotivierte Menschen, die rennen in alle Richtungen. Wenn du aber nur Fokus hast, dann hast du eine und keine Inspiration, dann fehlt dir Energie. Du kommst vielleicht auch zum Ziel, aber auf dem Hintern einen Berg hochzurutschen, das dauert. Beziehungsweise mit Ellenbogen. Und du brauchst schon beides. Und hoffentlich hat die Frage beantwortet. Ich habe viel mehr Ziele.
Niels Brabandt
Absolut. Da habe ich gleich eine Frage hinterher, weil ich finde die Bergmetapher hier gut. Glaubst du, dass es richtige und falsche Zeitpunkte gibt? Denn wenn ich einen Berg besteigen möchte, würde ich es zum Beispiel eher im Sommer machen als im Winter, aus offensichtlichen Gründen. Glaubst du, dass es Zeitpunkte gibt, wo man sagt: "Jetzt ist Fokus tatsächlich schwierig zu bekommen aufgrund der äußeren Umstände"?
René Esteban
Ja, gibt es. Dann brauchst du halt mehr Willpower, letzten Endes. Und bin ich hundertprozentig bei dir. Es gibt manche Situationen, da macht es wirklich absolut keinen Sinn, zeitgleich eine AI-Einführung zu starten, wenn wir gerade total im Sturm sind und um das Überleben unseres Unternehmens kämpfen. Da sind andere Sachen wichtig. Da ist erst mal wichtig, Fixkosten runter und herausfinden, wo sind die ganzen Störsignale und dann entsprechend da durch zu navigieren. Und dann führt man wieder was Neues ein.
René Esteban
Also natürlich, Timing ist unfassbar wichtig. Auch bei mir selber als Unternehmer in den letzten zehn Jahren war das ebenfalls gewesen. Oder in der Rolle, wo ich E-Commerce ausgerollt habe in 26 Ländern mit meinen Teams. Da waren manche Länder, da hat das super funktioniert, da war das Timing klasse und bei manchen war es total schlecht. Aber das lag ganz oft auch an der Kommunikation und der Art und Weise, auch wie wir damit umgegangen sind. Und ehrlicherweise, weil wir unsere Diagnose nicht so ganz gut gemacht haben, aber das habe ich jetzt gelernt mit Focus First. Erst mal Diagnose.
Niels Brabandt
Sehr schön. AI ist ja ein gutes Stichwort. Du hast ja ein Buch geschrieben letztens, "The Focus AI Captain". Worum geht es in dem Buch?
René Esteban
Ja, also in dem Buch geht es eigentlich darum, dass ich gesehen habe, in den ganzen Transformationsprojekten, wo wir momentan zusammenarbeiten mit unseren Kunden, dass sehr viele einfach losrennen. Das ist die eine Geschichte. Ehrlicherweise, ich mache dir noch nicht mal einen Vorwurf. Ich kann das sehr gut verstehen. Ich war ja auch mal in diesem Stuhl gewesen. Der Druck kommt von oben: "Mach möglich." Das sind die Worte. Und bring Effizienz rein, so schnell wie möglich. DC Levels, die werden beraten, dass man ungefähr 30 Prozent Effizienz heben kann und kosteneffizienter sein kann. Das mag auch alles sein, aber die Wahrnehmung, wie schnell das geht, die ist utopisch. Also das funktioniert nicht so, wie man das gerne hätte. Das ist das eine. Und das andere ist auch noch: Eigentlich liegt das Gold aber auch auf der Straße. Nur man guckt gerade momentan falsch hin. Und zwar guckt man eher auf die bunten, blinkenden Sachen versus die eher unsexy Themen, aber die wirklich mit KI einen richtigen Hebel haben, um in diese Richtung reinzugehen.
Niels Brabandt
Ja, sehr schön. Das heißt, wenn jetzt Leute sagen würden: "Mensch, KI ist bei uns ein Riesenthema." Manche Firmen haben Slogans wie "AI everywhere". Das heißt, man soll möglichst überall AI einsetzen. Was würdest du denen jetzt raten, wenn die jetzt sagen: "Genau das, was du sagst, erlebe ich halt. Okay, was haben wir? Copilot, prima. Roll mal Copilot aus für alle." Ist ja selbsterklärend. Alle machen jetzt Copilot. Oh, Copilot Studio, machen wir Copilot Studio für alle. Ja, wunderbar. Konsequenz ist: 5 Prozent nutzen es einigermaßen, 1 Prozent nutzt es richtig, 95 Prozent sagt: "Ja, ich gucke halt danach, wann die nächste Bahn fährt." Das kannst du auch mit Google machen. Was würdest du denen raten, wie man da fokussiert darangeht?
René Esteban
Also erst mal herausfinden, wo man gerade ist. Es ist so ein bisschen ähnlich wie Google Maps. Wir alle kennen Google Maps. Wir wissen, wir brauchen eine Startadresse, wir brauchen eine Zieladresse. Wenn eins von den beiden Sachen nicht da ist, funktioniert es halt einfach nicht initial. Also es ist auch sehr spannend. Keiner wird das auch machen, weil wenn man in Google eingibt: "Weg von hier", dann hat man sehr viele Ziele.
Niels Brabandt
Ja, so ein bisschen wie bei Alice im Wunderland, wo sie an der Weggabelung steht und fragt: "Wo soll ich hingehen?" Und die Grinsekatze fragt: "Wo willst du denn hin?" Und sie sagt: "Weiß ich nicht." Und dann sagt die Grinsekatze: "Dann ist auch egal, welchen Weg du nimmst."
René Esteban
Oh, das ist auch schön. Ja, genau. Da sind wir schon fast philosophisch unterwegs. Aber weißt du, das Thema ist natürlich: AI soll dir helfen, dein Ziel zu erreichen. Das ist es ja eigentlich. Also was ist, hier kommen wir wieder auf den Anfang zurück: Was ist eigentlich das Ziel, was du erreichen willst? Das hat sich mit KI natürlich auch wieder angepasst. Das hat sich alles beschleunigt, gar keine Frage.
René Esteban
Aber ich würde dann erst mal dann schauen: Wofür steht das Unternehmen eigentlich? Wo sind wir gerade? Oder vielleicht ein bisschen kleiner gedacht: Wo steht meine Organisation gerade? Wenn ich zum Beispiel Kommunikationsleiter bin von einem größeren Unternehmen, wofür steht meine Organisation? Was ist mein USP für meine, sagen wir mal, internen Kunden? Und die internen Kunden, das ist natürlich Geschäftsführung, das sind aber auch Stakeholder, das ist die Finanzabteilung für Investor Relations. Was ist das denn eigentlich, was wir erreichen wollen?
René Esteban
So, und jetzt die nächste Frage: Und wie kann uns KI dabei helfen, schneller, besser zu werden, günstiger zu werden? You name it. Und das dann entsprechend da mal dann zu analysieren. Und auch die Stakeholder-Fragen. Das machen die wenigsten Führungskräfte auch oft ein Zeitproblem. Viele sagen: "Ja, ja, Key-Stakeholder-Management ist verdammt wichtig." Aber wer sind sie denn eigentlich? Hat man das mal runtergeschrieben auf ein Blatt Papier?
René Esteban
So, und wenn man das auch mal gemacht hat und das eingeordnet hat und die fragt, dann kommt man schnell wieder zu diesem Punkt zurück: Wo macht es Sinn, wirklich dann KI dann zu nutzen? Denn eine Sache, und darüber hatten wir ja im Vorfeld auch so ein, zwei Punkte gehabt, worüber wir gesprochen haben: Warum scheitern eigentlich, das liest man, da gab es ja so eine Studie gewesen von MIT in Zusammenarbeit mit McKinsey, warum überhaupt 95 Prozent dieser ganzen KI-Piloten bei Unternehmen oder auch bei Organisationen scheitern? Also was ist da der Grund? Und aus meiner Erfahrung, das liegt fast nie an der Technologie selbst. Also die Algorithmen, die funktionieren meistens hervorragend. Das Problem ist, dass Unternehmen KI wie ein klassisches Software-Update behandeln. Also quasi.
Niels Brabandt
There's never a tech problem, haben wir damals schon bei Microsoft New Horizons gesagt. Ja, ja, genau. No tech problem.
René Esteban
So, und das war auch bei mir bei E-Commerce Realism. Das ist so nach dem Motto: Ja, quasi installieren und fertig. Aber KI ist kein Werkzeug in dem Sinne, dass man einfach hinstellt. Es ist eine neue Art der Wertschöpfung aus meiner Sicht. Und der eigentliche Grund für das Scheitern ist, dir ich nenne ihn in dem Buch das Trust Gap, also die Vertrauenslücke. Also Mitarbeiter nutzen zum Beispiel KI ja privat. Da nennt man ja auch Shadow AI, das kennst du. Aber sie misstrauen den Systemen, die ihr Arbeitgeber ihnen von oben herab verordnet, weil sie Angst haben, auch ersetzt zu werden. Das ist das eine. Ehrlicherweise aber auch, weil es verdammt langsam manchmal auch ist, weil das einfach sehr viele Sicherheitsprotokolle durchlaufen muss. Aber wenn wir diese menschliche Seite, also das Organisationsdesign und das Vertrauen, ja ignorieren, dann haben wir am Ende zwar teure Technik, aber niemanden, der sie produktiv nutzt. Und das ist der Moment, in dem der Pilot stirbt. Also die technische Pilotphase.
Niels Brabandt
Ja, sehr schön. Wenn jetzt Leute sagen, und das Interview hier abzuschließen: "Mensch, ich glaube, das ist echt spannend. Ich glaube, da sollten wir mal drüber reden." Wie können Leute dich erreichen?
René Esteban
Du meinst mich persönlich?
Niels Brabandt
Ja, genau. Wenn die jetzt sagen: "Mensch, ich glaube, den René Esteban brauchen wir bei uns mal in einer Firma." Wie können die dich am besten erreichen?
René Esteban
Ja, am besten über die Webseite focusfirst.com oder über LinkedIn kann man das machen. Also René Esteban bei LinkedIn, da findet man mich ganz gut. Aber ich darf auch dazu sagen, das, was ich in dem Buch reingeschrieben habe: Ich habe ja wirklich ein verdammt gutes Team aus ehemaligen Executives, Organisationspsychologen, die ebenfalls, also gerade auch die Former Executives, vorher in dem Stuhl auch gesessen haben. Wir haben das gemeinsam in dieses Buch entsprechend reingepackt, unsere Learnings.
Niels Brabandt
Sehr gut. Wunderbar. Also von daher das Buch schon mal sehr zu empfehlen. "The Focus AI Captain" und "René Esteban kann helfen", damit die Organisation von verschiedenen Größenordnungen deutlich fokussierter wird. Deswegen zum Ende des Podcasts bleibt mir dann noch eins zu sagen, nämlich: René, vielen Dank für deine Zeit.
René Esteban
Ja, danke dir. Tolle Plattform, toller Podcast. Bestimmt wird er immer weiter erfolgreicher.
Niels Brabandt
Vielen Dank.