#490 Die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung: Warum Unternehmen jetzt nicht auf Symbolpolitik setzen sollten | Artikel | Prof. Dr. Volker Nürnberg im Interview mit Niels Brabandt

Die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung: Warum Unternehmen jetzt nicht auf Symbolpolitik setzen sollten

Ein Interview von Niels Brabandt mit Prof. Dr. Volker Nürnberg

In der aktuellen Folge des Podcasts und Videocasts von Niels Brabandt steht eine Frage im Zentrum, die derzeit viele Personalabteilungen, Geschäftsführungen und Führungskräfte beschäftigt: Was bedeutet die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung tatsächlich für Unternehmen, Krankenkassen, Arztpraxen und Beschäftigte?

Zu Gast ist Prof. Dr. Volker Nürnberg, einer der deutschlandweit führenden Experten für Gesundheitsmanagement, Krankenstand, Fehlzeiten, Betriebliches Gesundheitsmanagement und die Schnittstelle zwischen Arbeitswelt, Gesundheitssystem und Unternehmensführung. Im Gespräch mit Niels Brabandt ordnet Prof. Dr. Volker Nürnberg die politische Entscheidung ein, trennt belastbare Fakten von populären Annahmen und zeigt auf, warum die Maßnahme voraussichtlich nicht zu dem Ergebnis führen wird, das viele erwarten.

Das Interview macht deutlich: Wer Krankenstand senken will, braucht keine vorschnellen Generalverdächtigungen, sondern eine belastbare Analyse von Arbeitsbedingungen, Führungskultur, Demografie, Gesundheitsverhalten und organisationaler Verantwortung. Genau darin liegt die Relevanz dieses Gesprächs für Entscheidungstragende im Business.

Das Interview: eine politische Entscheidung trifft auf operative Realität

Niels Brabandt eröffnet das Gespräch mit einer Beobachtung aus der Unternehmenspraxis: Während manche Personalleitungen erwarten, dass sich durch das Ende der telefonischen Krankschreibung kaum etwas verändert, hoffen andere auf eine deutliche Senkung des Krankenstandes. Diese Bandbreite zeigt bereits das zentrale Problem: Die Diskussion wird oft von Erwartungen, Frustrationen und politischen Botschaften geprägt, weniger von Daten.

Prof. Dr. Volker Nürnberg widerspricht der Vorstellung, dass die telefonische Krankschreibung ein massiver Treiber des Krankenstandes gewesen sei. Seine zentrale Einordnung lautet: Die telefonischen Krankschreibungen machten rund vier Prozent aller Krankschreibungen aus. Schon diese Größenordnung macht deutlich, dass von einer Halbierung des Krankenstandes keine Rede sein kann.

Für Unternehmen ist dieser Punkt entscheidend. Wer Fehlzeiten strategisch steuern will, muss dort ansetzen, wo die größten Ursachen liegen. Eine Maßnahme, die nur einen sehr kleinen Anteil aller Krankschreibungen betrifft, kann kein strukturelles Problem lösen. Prof. Dr. Volker Nürnberg macht im Interview deutlich, dass es keine validen Daten gibt, die einen besonders hohen Missbrauch bei telefonischen Krankschreibungen belegen würden. Damit fehlt der Maßnahme genau jene empirische Grundlage, die für seriöse Unternehmensentscheidungen unverzichtbar wäre.

Vier Prozent sind keine Systemwende

Die Zahl von vier Prozent ist eine der wichtigsten Aussagen des Interviews. Sie verschiebt die Debatte von moralischer Empörung hin zu betriebswirtschaftlicher Rationalität. Wenn nur ein kleiner Teil aller Krankschreibungen telefonisch erfolgte, dann kann die Abschaffung dieser Möglichkeit allenfalls eine Randwirkung entfalten.

Niels Brabandt fragt deshalb konsequent nach der Faktenlage: War die telefonische Krankschreibung tatsächlich der große Ausweg für massenhaften Missbrauch? Prof. Dr. Volker Nürnberg beantwortet diese Frage klar: Nein. Aus seiner Sicht wird der Wegfall weder positive noch negative Auswirkungen auf den realen Krankenstand in nennenswertem Umfang haben. Dramatisch sei die Entscheidung nicht, weil nur ein geringer Anteil betroffen sei. Fachlich hält er sie dennoch für den falschen Schritt.

Diese Differenzierung ist wichtig. Prof. Dr. Volker Nürnberg verharmlost die Entscheidung nicht, überhöht sie aber auch nicht. Er ordnet sie ein. Genau das macht seine Expertise für Unternehmensleitungen wertvoll: Er ersetzt Vermutung durch Verhältnisrechnung. Für Business-Entscheidungstragende ist das ein entscheidendes Signal. Wer Krankenstand, Produktivität und Gesundheitskosten verstehen will, muss mit belastbaren Proportionen arbeiten.

Hausarztpraxen als Engpass: mehr Bürokratie statt weniger Fehlzeiten

Besonders deutlich wird das Problem bei der Frage, was die Abschaffung praktisch bedeutet. Wenn Beschäftigte mit Kurzzeitbeschwerden nicht mehr telefonisch krankgeschrieben werden können, landen zusätzliche Patientenkontakte in ohnehin belasteten Hausarztpraxen. Prof. Dr. Volker Nürnberg verweist im Interview zusätzlich auf das Primärarztprinzip, nach dem Hausärzte künftig noch stärker zur ersten Anlaufstelle werden sollen.

Seine Berechnung ist für die Praxis erheblich: Im Durchschnitt könnten pro Hausarzt täglich acht bis zehn zusätzliche Patientenkontakte entstehen. An Montagen, an denen viele Krankschreibungen anfallen, könnten es sogar 20 bis 25 zusätzliche Termine sein. Niels Brabandt ordnet diese Zahl im Gespräch sofort operativ ein: Realistisch sei dies kaum handhabbar, ohne erhebliche Wartezeiten zu erzeugen.

Die Konsequenz ist für Unternehmen paradox. Eine Maßnahme, die angeblich Beschäftigte schneller zurück in die Arbeit bringen soll, kann dazu führen, dass Arztpraxen stärker belastet, Wartezeiten länger und Prozesse teurer werden. Prof. Dr. Volker Nürnberg weist darauf hin, dass jeder zusätzliche Arztkontakt Kosten auslöst. Diese Kosten landen am Ende bei den Krankenkassen und damit mittelbar bei Arbeitnehmern und Arbeitgebern. Eine Entlastung der Unternehmen ist damit keineswegs garantiert. Im Gegenteil: Die Maßnahme kann zu zusätzlicher finanzieller und administrativer Belastung führen.

Warum der Krankenstand sogar steigen könnte

Eine der stärksten Aussagen des Interviews lautet: Durch die Pflicht zur ärztlichen Bescheinigung ab dem ersten Tag könnte der Krankenstand nicht sinken, sondern steigen. Prof. Dr. Volker Nürnberg erklärt den Mechanismus plausibel. Wer mit Migräne, Erkältung oder Magen-Darm-Beschwerden in die Praxis kommt, wird nicht zwingend nur für einen Tag krankgeschrieben. Der Arzt wird den Patienten nicht am Folgetag erneut sehen wollen, nur um zu prüfen, ob eine kurzfristige Besserung eingetreten ist.

Das Ergebnis kann eine längere Krankschreibung sein: drei oder fünf Tage statt möglicherweise nur eines Tages. Für Unternehmen wäre das eine unbeabsichtigte Folge mit erheblicher Wirkung. Die politische Maßnahme zielt auf Kontrolle, kann in der Praxis aber zu längeren dokumentierten Ausfällen führen.

Prof. Dr. Volker Nürnberg verweist zudem auf einen weiteren zentralen Punkt: Der Krankenstand ist in den vergangenen Jahren auch deshalb gestiegen, weil der frühere gelbe Schein digitalisiert wurde. Viele Bescheinigungen, die früher nicht vollständig bei den Krankenkassen ankamen, werden heute systematisch erfasst. Ein Teil des Anstiegs ist damit nicht zwingend Ausdruck einer plötzlich kränkeren Gesellschaft, sondern Ergebnis besserer Datenerfassung.

Führungskultur, Arbeitsbedingungen und Psychologie: die eigentlichen Hebel

Im zweiten Teil des Interviews verschiebt Niels Brabandt den Blick von der politischen Einzelmaßnahme zur entscheidenden Managementfrage: Wie können Organisationen ihren Krankenstand realistisch senken? Hier formuliert Prof. Dr. Volker Nürnberg eine der wichtigsten Führungsbotschaften des Gesprächs. Unternehmen haben nach seiner Einschätzung über Kultur, Arbeitsbedingungen und Gesundheitsmanagement erheblichen Einfluss auf Fehlzeiten.

Seine Aussage ist prägnant: Unternehmen haben den Krankenstand, den sie verdienen. Diese Formulierung ist bewusst zugespitzt, aber sie verweist auf einen ernsthaften Zusammenhang. Krankenstand entsteht nicht allein aus individueller Gesundheit. Er entsteht auch aus Arbeitsumgebung, Führungsverhalten, Wertschätzung, Belastung, Planbarkeit, Ausstattung, Arbeitszeitgestaltung und psychologischer Bindung an die Organisation.

Prof. Dr. Volker Nürnberg betont im Interview, dass gutes Betriebliches Gesundheitsmanagement den Krankenstand senken kann. Besonders bemerkenswert ist seine Beobachtung, dass selbst Mitarbeitende profitieren können, die Gesundheitsangebote gar nicht aktiv nutzen. Der Grund liegt in der wahrgenommenen Wertschätzung: Beschäftigte registrieren, ob sich ein Arbeitgeber ernsthaft um Gesundheit und Arbeitsfähigkeit kümmert. Diese Wahrnehmung kann Bindung und Anwesenheit beeinflussen.

Für Niels Brabandt, dessen Arbeit sich auf nachhaltige Führung, Organisationsentwicklung und evidenzbasierte Leadership-Praxis konzentriert, ist dies der entscheidende Punkt: Krankenstand lässt sich nicht dauerhaft durch Misstrauen senken. Er lässt sich durch bessere Führung, bessere Strukturen und glaubwürdige Verantwortung beeinflussen.

Demografie: warum ältere Belegschaften andere Lösungen brauchen

Auch die demografische Entwicklung spielt im Interview eine zentrale Rolle. Prof. Dr. Volker Nürnberg erklärt, dass Fehlzeiten mit zunehmendem Alter steigen, insbesondere durch Muskel- und Skeletterkrankungen. Rückenprobleme, Verschleiß, künstliche Hüften oder Knieoperationen sind keine Managementmode, sondern reale arbeitsmedizinische und demografische Faktoren.

Gleichzeitig differenziert er klar: Psychische Erkrankungen seien nicht in gleicher Weise altersabhängig, sondern kämen in allen Altersphasen vor. Für Unternehmen bedeutet das: Eine alternde Belegschaft verlangt differenzierte Strategien. Ergonomie, Arbeitsorganisation, Prävention, Führungskultur, psychologische Sicherheit und realistische Belastungssteuerung gehören zusammen.

Wer die demografische Entwicklung ignoriert und Krankenstand ausschließlich als Disziplinproblem behandelt, verschärft das Problem. Unternehmen brauchen eine langfristige Gesundheitsstrategie, keine kurzfristige Kontrollrhetorik.

Verhalten und Verhältnisse: was Unternehmen konkret tun können

Zum Abschluss des Gesprächs fragt Niels Brabandt nach konkreten Handlungsoptionen für Arbeitgeber. Prof. Dr. Volker Nürnberg unterscheidet zwischen Verhalten und Verhältnissen. Beschäftigte tragen Eigenverantwortung für ihr Gesundheitsverhalten. Unternehmen wiederum gestalten den Rahmen: Arbeitsmittel, Arbeitszeiten, Führungskultur, Organisation, Belastung, Kommunikation und Wertschätzung.

Diese Unterscheidung ist für die Praxis zentral. Ein Unternehmen kann Mitarbeitende zu gesünderem Verhalten ermutigen. Gleichzeitig muss es Bedingungen schaffen, unter denen Gesundheit nicht nur als private Pflicht, sondern als Bestandteil professioneller Arbeitsgestaltung verstanden wird. Gesundheitsmanagement darf nicht aus einzelnen Kursangeboten bestehen, während Überlastung, schlechte Führung und dysfunktionale Prozesse unverändert bleiben.

Prof. Dr. Volker Nürnberg fasst seine These im Interview pointiert zusammen: 50 Prozent des Krankenstandes sind Psychologie. Wenn Mitarbeitende sich im Unternehmen wohlfühlen, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sie arbeiten gehen. Diese Aussage ist keine Aufforderung zu emotionaler Manipulation. Sie ist ein Hinweis auf die betriebliche Realität: Zugehörigkeit, Vertrauen, Fairness und Führung wirken auf Arbeitsfähigkeit.

Fazit: Wer Krankenstand senken will, muss Führung ernst nehmen

Das Interview zwischen Niels Brabandt und Prof. Dr. Volker Nürnberg zeigt, wie wichtig eine faktenbasierte Debatte über Krankenstand, telefonische Krankschreibung und Unternehmensverantwortung ist. Die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung mag politisch sichtbar sein. Strategisch ist sie kein Ersatz für wirksame Führung, Gesundheitsmanagement und Organisationsentwicklung.

Prof. Dr. Volker Nürnberg bringt als deutschlandweit führender Experte für diese Fragestellungen die notwendige fachliche Präzision in eine Debatte, die zu oft von Misstrauen und Symbolpolitik geprägt wird. Seine Analyse macht deutlich: Wer nur den Zugang zur Krankschreibung erschwert, löst keine strukturellen Ursachen. Wer dagegen Führungskultur, Arbeitsbedingungen, Gesundheitsmanagement und demografische Realität ernst nimmt, kann Krankenstand professionell beeinflussen.

Für Entscheidungstragende im Business lautet die zentrale Botschaft: Krankenstand ist kein isoliertes HR-Problem. Krankenstand ist ein Führungs-, Kultur-, Kosten- und Wettbewerbsfaktor. Genau deshalb braucht es weniger Aktionismus und mehr Evidenz. Das Interview mit Prof. Dr. Volker Nürnberg und Niels Brabandt liefert dafür eine klare Grundlage.

Niels Brabandt

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Mehr zu diesem Thema im dieswöchtigen Podcast und Videocast: mit Niels Brabandt: Videocast / Apple Podcasts / Spotify

Das Transkript zum Podcast und Videocast befindet sich unter diesem Artikel.

 

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Podcast and Videocast Transcript

Niels Brabandt EMBA MBA MSc

Die telefonische Krankmeldung ist ab jetzt abgeschafft, und die Frage ist: Was bedeutet das eigentlich? Ich habe bisher Aussagen bekommen von Personalleitungen, die sagen: "Ich glaube, es tut sich gar nichts." Und einige sagen halt: "Ich erwarte eine Halbierung des Krankenstandes." Und jetzt ist die Frage: Was ist die Faktenlage? Dazu haben wir den deutschlandweit führenden Experten heute bei uns, herzlich willkommen, Prof. Dr. Volker Nürnberg. Hallo Volker, danke, dass du so kurzfristig—

Prof. Dr. Volker Nürnberg

Hallo, ich grüße dich, vielen Dank für die Einladung.

Niels Brabandt EMBA MBA MSc

Ja. So, jetzt haben wir natürlich die Aussage: "Ab jetzt nicht mehr telefonisch krankmelden." Da schwingt natürlich so ein bisschen mit die Unterstellung: Ganz viele Leute feiern krank. Deiner Ansicht nach: Wird das Auswirkungen haben auf den realen Krankenstand, den wir in Deutschland haben? Also positive Auswirkungen?

Prof. Dr. Volker Nürnberg

Ich glaube, es wird weder positive noch negative Auswirkungen haben. Die telefonischen Krankschreibungen waren ungefähr 4 % aller Krankschreibungen. Dass die jetzt wegfallen, fällt also kaum ins Gewicht. Es gibt auch keine validen Daten, die sagen, dass hier der Missbrauch besonders groß war. Vielleicht war er ein bisschen höher als bei der herkömmlichen, das mag so sein. Aber in der Summe sollte man ja eigentlich— wollte Telemedizin etc. Einzug halten. Deshalb finde ich es den falschen Schritt. Er ist aber, wie gesagt, auch nicht dramatisch, weil es nur einen ganz geringen Teil der Krankschreibungen betrifft. Da wird man keine große Auswirkung spüren.

Niels Brabandt EMBA MBA MSc

Ja. Wenn du jetzt Zugriff auf die Daten hast: Ich kann es natürlich jetzt nur schätzen. Also, wir haben Hausarztpraxen, die zumindest— ich habe jetzt das Glück, dass ich nie krank bin, aber rein gefühlt, wenn ich mal zum Arzt musste, hatte ich nicht das Gefühl, dass die Hausärzte jetzt unter Auslastungsmangel klagten. Kannst du da ungefähr zu sagen, wie das aussehen wird, wenn wir jetzt sagen: Jeder muss bei jedem Kopfschmerz morgens erst mal zum Hausarzt?

Prof. Dr. Volker Nürnberg

Das wird ein Riesenproblem. Auch deshalb, weil ja in der Gesundheitsreform zum nächsten Jahr beschlossen wurde: das Primärarztprinzip. Das heißt, jeder muss als Erstes zum Hausarzt, bevor er zum Facharzt geht. Das heißt, diese Termine kommen schon dazu. Und wenn wir jetzt umlegen, die Kurzzeittermine, für die jetzt auch jeder zum Hausarzt muss, da habe ich berechnet, dass das im Schnitt am Tag pro Hausarzt 8 bis 10 zusätzliche Patientenkontakte macht.

Niels Brabandt EMBA MBA MSc

Oh Gott.

Prof. Dr. Volker Nürnberg

Pro Tag. Beziehungsweise am Montag, wo der Großteil vieler Krankschreibungen ist, könnten es 20, 25 zusätzliche Patiententermine sein.

Niels Brabandt EMBA MBA MSc

Das ist realistisch gesehen überhaupt nicht handhabbar ohne gigantische Wartezeiten. Also—

Prof. Dr. Volker Nürnberg

Völlig, völlig ausgeschlossen. Und dazu kommt ja eigentlich: Der Kanzler hat ja gesagt, man macht das, weil wir so viele Fehltage haben und weil Deutschland nicht mehr wettbewerbsfähig ist. Das Problem ist ja: Diese Hausarztbesuche muss auch jemand bezahlen. Mit dem Patientenkontakt wird beim Arzt eine Pauschale abgerufen, die die Kassen zahlen müssen. Das heißt, wir haben Mehrkosten bei den Kassen. Wer zahlt die Kassenbeiträge? Die Arbeitnehmer und die Arbeitgeber. Das heißt, die Arbeitgeber werden zusätzlich belastet anstatt entlastet. Das ist eigentlich die Ironie dieser Maßnahme. Und wie du schon angedeutet hast: Ich weiß nicht, wie die das schultern wollen, die Ärzte. Und deshalb laufen ja die Ärzteverbände Sturm.

Niels Brabandt EMBA MBA MSc

Ja. Gibt es denn jetzt— das ist natürlich jetzt die Frage: Wenn ich jetzt Arbeitgeber bin und ich vielleicht die Ansicht habe, dass bei mir Leute nicht krank feiern, habe ich denn die Möglichkeit zu sagen: Gut, es gibt jetzt diese Regelung, aber wir machen das anders? Oder heißt es jetzt: Alle Arbeitgeber müssen das einfordern?

Prof. Dr. Volker Nürnberg

Das eine ist ja, und das wissen wir beide, dass du heute schon als Arbeitgeber sagen kannst: Krankenschein ab dem 4. Tag. Aber bei deinen Pappenheimer verlangst du ihn ab dem 1. Tag. Das ist ja heute schon möglich. Deshalb ist meines Erachtens eben diese Regelung unnötig.

Prof. Dr. Volker Nürnberg

Gestern Abend haben Klingbeil und Merz angedeutet, dass über die Gesetzesgestaltung Aufweichungen möglich sein werden. Da wurde angedeutet: Zum einen für die Tarifvertragsparteien. Das heißt, man kann jetzt in einem Tarifvertrag vereinbaren: Bei uns gibt es den Schein weiterhin erst ab dem 4. Tag. Wahrscheinlich auch für betriebliche Vereinbarungen. Das heißt, du kannst für dein Unternehmen im Betriebsrat eine Vereinbarung schließen.

Prof. Dr. Volker Nürnberg

Nicht ganz klar ist es mir. Da hat gestern jemand gesagt: "Ich habe das im Arbeitsvertrag stehen, dass ich erst am 4. Tag meinen Schein bringen muss." Was das für Auswirkungen hat: Wir haben eigentlich in Deutschland die Normenpyramide, da gilt ein Gesetz über den Arbeitsvertrag. Also, da muss man schauen, wie es ausgestaltet wird. Und da habe ich noch ein bisschen Hoffnung.

Niels Brabandt EMBA MBA MSc

Ja. Das heißt, wenn wir— natürlich steht über allem eine Frage. Und das ist— ich habe ja diesen Satz von dir mal gehört bei einer Konferenz, wenn ich— korrigiere mich, wenn ich falsch liege: "Alle Unternehmen haben den Krankenstand, den sie verdient haben."

Niels Brabandt EMBA MBA MSc

Und das fragen sich ja jetzt viele. Gut, das ist eine Maßnahme. Jetzt werden einige vermutlich sehen: Es wird nicht den großen Effekt haben, dass wir plötzlich weniger Krankmeldungen haben.

Niels Brabandt EMBA MBA MSc

Aber darüber steht ja eine große Frage: Wie bekommen wir den Krankenstand runter? Denn— und da kannst du ja auch zahlenseitig was zu sagen— es wird natürlich immer wieder eine Zahl nach vorne gebracht.

Niels Brabandt EMBA MBA MSc

Deutschland ist ja europaweit die krankheitsführende Nation. Ist diese Zahl in der Pauschalität so haltbar, dass man jetzt sagt: Wir werden immer kranker? Ist das korrekt, fachlich gesehen? Oder gibt es da Faktoren, die da ausgeblendet werden?

Prof. Dr. Volker Nürnberg

Also, wir liegen relativ hoch im Krankenstand. Wir sind auch nicht ganz oben. Es gibt noch höhere Werte.

Prof. Dr. Volker Nürnberg

Der Krankenstand ist in den letzten Jahren deshalb insbesondere gestiegen, weil man den gelben Schein digitalisiert hat. Das heißt, früher gingen viele dieser Scheine verloren, weil der Mitarbeitende musste sie eigentlich zur Krankenkasse schicken. Da wird er dann zentral erfasst. Und die meisten haben ihn aber nur beim Arbeitgeber abgegeben, nicht bei der Krankenkasse. Und das geht jetzt nicht mehr durch die Digitalisierung.

Prof. Dr. Volker Nürnberg

Primär deshalb ging der Krankenstand hoch. Und ich glaube auch: Durch diesen Krankenschein am 1. Tag wird der Krankenstand weiter hochgehen. Man wird das Gegenteil erzielen. Weil du gehst jetzt mit deiner Erkältung, mit deinem Magen-Darm, mit deiner Migräne zum Hausarzt und sagst: "Du hast Migräne, vielleicht ist es morgen besser." Der Hausarzt will dich morgen nicht noch mal sehen, um das zu kontrollieren. Was wird er machen? Er wird dich für 3 oder 5 Tage krankschreiben. Und deshalb glaube ich: Der Krankenstand wird steigen.

Prof. Dr. Volker Nürnberg

Grundsätzlich finde ich gut, deinen Hinweis, dass du noch mal deinen Finger in die Wunde legst: Dass Unternehmen über ihre Kultur und über ihre eventuell gesunden Arbeitsbedingungen den Krankenstand steuern können. Wenn du ein gutes Gesundheitsmanagement machst— habe ich Studien gemacht— geht der Krankenstand bei Mitarbeitenden runter. Selbst die, die die Gesundheitsangebote nicht wahrnehmen, bei denen geht es runter, weil sie wertschätzen, dass dein Arbeitgeber sich um sie kümmert. Und da kannst du schon als Unternehmen viel machen.

Prof. Dr. Volker Nürnberg

Stichwort auch Führungskultur, insbesondere der unteren Führungskräfte. Die sind so eine Stellschraube für oder gegen hohen Krankenstand. Und da würde ich mir wünschen, dass mehr reininvestiert wird und alles andere— jetzt zusätzliche Bürokratie aufzubauen in der heutigen Lage— halte ich für wirklich aberwitzig, was die Politik hier beschlossen hat.

Niels Brabandt EMBA MBA MSc

Haben wir belastbare Zahlen? Wie viel Prozent der Krankmeldungen waren eigentlich telefonische Krankmeldungen? War das jetzt die Hälfte von allen Krankmeldungen, die wir bekommen haben?

Prof. Dr. Volker Nürnberg

Ach Quatsch, es waren 4 %.

Niels Brabandt EMBA MBA MSc

4 %.

Prof. Dr. Volker Nürnberg

Von allen, ja.

Niels Brabandt EMBA MBA MSc

Okay. Das war jetzt nicht der zentrale Punkt, wo man sagte: Wir hatten hier gigantische Auswege.

Prof. Dr. Volker Nürnberg

Nein, nein.

Niels Brabandt EMBA MBA MSc

Kann man sagen, dass die Überalterung der Gesellschaft generell— ist das belastbar, dass man sagt: Wenn die Gesellschaft älter wird, wird sie immer automatisch kranker? Oder kann man das auch irgendwie vermeiden? Okay, ist—

Prof. Dr. Volker Nürnberg

Ja. Also, der Krankenstand, die Fehltage, steigen exponentiell mit dem Alter. Je älter du bist, desto mehr Fehltage. Das sind insbesondere die Muskel- und Skeletterkrankungen. Also, ein Älterer hat einfach einen gewissen Verschleiß, braucht dann mal Ende 50 eine künstliche Hüfte, ein künstliches Knie, hat Rücken.

Prof. Dr. Volker Nürnberg

Die psychischen Erkrankungen sind unabhängig vom Alter, in allen Altersphasen. Aber die Älteren haben schon mehr Fehltage. Und schon deshalb wird wiederum der Krankenstand hochgehen, weil zurzeit der durchschnittliche Arbeitnehmer ungefähr 44 ist. Das steigt aber, weil zu wenig junge Nachkommen. Und über den demografischen Faktor wird der Krankenstand auch weiter steigen.

Niels Brabandt EMBA MBA MSc

Das heißt, abschließend zu dem Interview: Wenn jetzt Leute sagen, vielleicht ein, zwei Sachen: Was können wir konkret tun, wenn wir real unseren Krankenstand senken wollen als arbeitgebende Organisation, als Organisation, die sich darum kümmern möchte? Zwei, drei Tipps, ein, zwei, drei Tipps: Was können Organisationen tun?

Prof. Dr. Volker Nürnberg

Es ist immer eine Frage von Verhalten und Verhältnissen. Das heißt: Verhalten— du musst deine Mitarbeitenden animieren, sich gesünder zu verhalten. Und Verhältnisse, die schaffst du als Unternehmen. Gute Arbeitsmittel, gute Arbeitszeiten, gute Kultur. Das heißt, beide sind gefragt.

Prof. Dr. Volker Nürnberg

Der Arbeitnehmende hat eine Eigenverantwortung. Der Arbeitgeber muss den großen Rahmen stellen. Und über die Führungskultur— meine These ist, wenn ich das zum Schluss sagen darf: 50 % des Krankenstandes sind Psychologie. Wenn der Mitarbeiter sich wohlfühlt in der Firma, geht er auch arbeiten. Und daran sollte jedes Unternehmen arbeiten.

Niels Brabandt EMBA MBA MSc

Sehr schön. Das sind die perfekten Schlussworte. Da bleibt mir jetzt zum Ende des Podcasts und Videocasts noch eins zu sagen: Prof. Dr. Volker Nürnberg, Volker, vielen Dank für deine Zeit.

Prof. Dr. Volker Nürnberg

Ganz lieb, vielen Dank.

Niels Brabandt