#502 Wenn Schweigen zur Geschichte wird: Das dauernde Thema der Führungskräftekommunikation - Artikel von Niels Brabandt
Wenn Schweigen zur Geschichte wird: Das dauernde Thema der Führungskräftekommunikation
Führungskräfte kommunizieren angeblich großartig. In der Theorie würden dem die meisten zustimmen. In der Praxis liefert kaum eine Woche vergeht, ohne dass eine erfahrene Führungspersönlichkeit einen kommunikativen Fehler begeht, der mit Jahrzehnten an Erfahrung eigentlich nicht mehr passieren dürfte. Der jüngste Fall kommt aus der deutschen Bundespolitik und lässt sich eins zu eins auf die freie Wirtschaft, den Mittelstand und den öffentlichen Dienst übertragen.
Eine Idee, ein Papier, ein Sturm der Entrüstung
Bundesfinanzminister Lars Klingbeil brachte die Idee einer Zuckersteuer ins Gespräch. Ob eine solche Steuer sinnvoll ist, steht hier nicht zur Debatte, das Vereinigte Königreich hat eine, Norwegen und Dänemark hatten eine und schafften sie später wieder ab. Entscheidend ist, was danach geschah. Ein Arbeitspapier machte die Runde, in dem unter anderem stand, dass auch Cola Zero, ein Getränk ganz ohne Zucker, oder Hafermilch, deren natürlicher Zuckeranteil sich nicht künstlich entfernen lässt, ohne das Produkt zu verändern, von der Steuer betroffen sein könnten.
Die öffentliche und mediale Reaktion eskalierte binnen Stunden. Erst nachdem die Empörung bereits zwei Tage lang durch alle Kanäle lief, stellte das Finanzministerium klar, es habe sich nur um ein Arbeitspapier gehandelt und eine Steuer auf zuckerfreie Getränke sei nie ernsthaft geplant gewesen. Diese Klarstellung war korrekt. Sie kam auch deutlich zu spät, um noch etwas zu bewirken.
Das Ergebnis gehört den Empfängern, nicht dem Sender
Hier liegt die unbequeme Wahrheit, die jede Führungskraft verinnerlichen sollte: Das Ergebnis einer Kommunikation entscheiden die Empfänger der Botschaft, nicht die Person, die sie sendet. Das sollte für niemanden in einer Führungsposition eine Überraschung sein. Stellen Sie sich vor, ein Mittelständler sagt: Die Lage mit den Kunden ist derzeit schwierig, wir denken über verschiedene Optionen nach, mehr Vertrieb, mehr Marketing, vielleicht auch Stellenabbau. Über welchen dieser drei Punkte werden die Mitarbeitenden am meisten sprechen? Natürlich über den Stellenabbau, weil er sie am direktesten betrifft. Wer stattdessen sagt, ein Expertengremium habe mehrere Optionen geprüft und man habe sich klar für mehr Vertrieb entschieden, Stellenabbau sei kein Thema, löst eine völlig andere Diskussion aus.
Jede Lücke wird gefüllt, ob gewollt oder nicht
Wenn Führungskräfte eine kommunikative Lücke lassen, bleibt diese nicht leer. Menschen betreiben, was Organisationspsychologen Sensemaking nennen, den aktiven Versuch, ein unvollständiges Bild mit eigenen Vermutungen zu vervollständigen. Wer nur sagt, am Montag solle man ins Büro der Chefin kommen, aber erst mal ein schönes Wochenende habe, hat nichts Negatives gesagt. Trotzdem wird die betroffene Person das ganze Wochenende über grübeln, weil der menschliche Verstand eine offene Geschichte nicht erträgt.
Derselbe Mechanismus erklärt, warum eine pauschale Ankündigung von Steuererhöhungen sofort Panik auslöst, während eine präzise formulierte Vermögenssteuer für Menschen mit mehr als zehn Immobilien und über hundert Millionen Privatvermögen, begrenzt auf 0,1 bis 0,3 Prozent, eine ganz andere, sachlichere Debatte erzeugt. Präzision ist kein stilistisches Extra. Sie verhindert, dass die Empfänger die Geschichte für Sie zu Ende schreiben.
Kommunikation in geschlossenen Kreisen
Wer keine Person des öffentlichen Interesses ist, muss sich nicht öffentlich äußern. Wer jedoch innerhalb der eigenen Organisation Verantwortung trägt, kommt daran nicht vorbei, es sei denn, einem sind die eigenen Mitarbeitenden gleichgültig. Entscheidend ist, was hier als Kommunikation in geschlossenen Kreisen bezeichnet wird: Am Ende einer Botschaft muss beim Empfänger ein geschlossenes Bild entstehen, mit dem er etwas anfangen kann, ohne in Panik zu verfallen oder mit offenen Fragen zurückzubleiben. Für diese Disziplin gibt es professionelle Unterstützung, und es gibt keinen guten Grund, sie nicht in Anspruch zu nehmen.
Was Führungskräfte jetzt tun sollten
Bevor Sie das nächste Mal ein schwieriges Thema kommunizieren, widerstehen Sie der Versuchung, sich alle Optionen offenzuhalten. Entscheiden Sie, was Sie tatsächlich meinen, sagen Sie genau das, und schließen Sie den Kreis, bevor Sie Fragen zulassen. Klarheit, früh eingesetzt, ist das günstigste Instrument zur Krisenvermeidung, das einer Führungskraft zur Verfügung steht.
Niels Brabandt
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Podcast und Videocast Transkript
Niels Brabandt EMBA MBA MSc
Übungskräfte kommunizieren generell großartig. Dem würden doch hier alle zustimmen, oder etwa nicht? Und genau darüber wollen wir heute mal sprechen. Es gibt mal wieder einen Fall, wo man sich fragt: Wie können Leute mit so viel Erfahrung Dinge so falsch machen? Und in dem Fall sprechen wir über einen ganz konkreten Fall. Wichtig hierbei: Das ist jetzt kein politisches Statement, denn es geht um einen Fall in der Politik. Der lässt sich aber übertragen auf zig Dinge, die wir auch in der freien Wirtschaft haben, die wir im öffentlichen Dienst haben, die wir überall haben.
Eine Führungskraft mit genug Erfahrung macht einen Fehler, wo man sich fragt: Wie kann das passieren? Und deswegen wollen wir uns jetzt mal anschauen: Wie kann es eigentlich sein, dass wir immer wieder Führungskräfte haben, die trotz ausreichender Erfahrung solche Fehler begehen, wie sie hier passiert sind? Und wir sprechen über den Fall der Zuckersteuer in Deutschland. Lars Klingbeil, Finanzminister des Bundes in Deutschland, der Bundesrepublik, sagte, es soll eine Zuckersteuer geben. Jetzt können wir darüber streiten: Soll es die geben oder soll es die nicht geben? Die Frage ist: Wie ging es ab da weiter? Und deswegen müssen wir uns das jetzt mal anschauen.
Das Erste, was passiert, ist: Sie bringen das Thema. Und wichtig ist: Wenn das Thema kommt, dann muss allen klar sein: Über das Thema wird gesprochen. Völlig egal, ob man das möchte oder nicht. Völlig egal, ob man das für richtig hält. Völlig egal, ob es einem gefällt oder nicht. Menschen werden darüber sprechen. Sobald Führungskräfte sagen: "Einführung von KI", sofort wird darüber gesprochen. Und wir hatten hier einen Fall, dass Lars Klingbeil als Finanzminister sagte, es soll eine Zuckersteuer geben.
Dann gab es ein Papier, das machte sofort die Runde, wo unter anderem drinsteht, dass die Zuckersteuer auch auf so etwas wie Cola Zero fällig werden würde. Ein Erfrischungsgetränk ohne Zucker. Darin sind Süßstoffe, aber kein Zucker. Oder so etwas wie zum Beispiel Hafermilch. Weil es beim Hafer oder an anderen Dingen, die einfach in der Natur da sind, da ist halt Zucker in der Zutat an sich drin. Das kann man nicht entfernen, zumindest nicht ohne es genetisch zu manipulieren. Dann ist es eben nicht mehr das Produkt.
So. Und was dann kam, ist, dass natürlich sofort das Gespräch völlig eskalierte, auch medial. Natürlich, weil Medien möchten Reichweite gewinnen. Man merkte sofort: Darüber kann man Reichweite generieren. Also wurden sofort Artikel generiert. Na ja, und dann hieß es halt damals vom Finanzministerium und von Lars Klingbeil: Na ja, er würde natürlich keine Steuer auf Cola Zero erheben. Das ist ja ein Getränk ohne Zucker. Und das Papier sei ja nur ein Arbeitspapier.
Und jetzt wichtig hierbei: Wir wissen, wenn man sich ein bisschen in der Politik auskennt, dass es nur ein Arbeitspapier ist. Aber es ändert doch nichts daran. Man stelle sich Folgendes vor, also mal ein Beispiel: Wenn wir jetzt Volkswagen haben. Bei Volkswagen haben Führungskräfte gesagt: Derzeit, aufgrund der wirtschaftlichen Lage, wird es Stellenabbau geben. Und es wird gesagt: Das stellen wir uns derzeit vor, mit einem relativ deutlichen Stellenabbau. Auch Standorte werden geschlossen. Daraufhin wird darüber gesprochen.
Das weiß auch die Führungskraft. Das wissen die Führungskräfte dort. Und dann wissen die auch, dass das jetzt Thema wird. Wenn ich was rausbringe mit 17 Optionen drin, dann sage ich: Ja, aber ich hatte eh nur 2 vor. Wenn ich 17 nach vorne werfe, dann werden Leute über 17 sprechen. Und das ist doch auch nicht neu. Das kann doch nicht sein, dass eine Führungskraft mit so viel Erfahrung das immer noch nicht weiß.
Sie werden doch nicht über Nacht Finanzminister, Finanzministerin, Finanzministerperson in der Bundesrepublik Deutschland. Das Ergebnis hierbei ist: Wenn man x Themen rauswirft, wird über x Themen gesprochen. Und sehr schnell müssen dann Führungskräfte sehen: Was tun wir jetzt damit? Und es kann eben nicht sein, dass man sagt: Ich beschwere mich im Nachhinein und sage: Es war doch nur ein Arbeitspapier. Ja, ein Arbeitspapier, wo eben drinstaand, dass eben auch auf Cola Zero Zuckersteuer erhoben werden kann, obwohl das Getränk keinen Zucker enthält.
Welches Problem haben wir hier? Das Problem ist das Problem der Klarheit. Sie müssen eine Klarheit haben, die sehr deutlich kommuniziert werden muss, von Beginn an. Man stelle sich vor: Ein DAX-Konzern oder ein Mittelständler oder selbst eine kleine Firma würde sagen: Na ja, mit den Kunden geht es derzeit nicht so gut. Wir können uns verschiedene Dinge vorstellen. Vielleicht andere Produkte. Vielleicht mehr Vertrieb. Vielleicht mehr Marketing. Vielleicht Stellenabbau.
Und dann sprechen Leute über alles Mögliche. Logischerweise vor allen Dingen über Stellenabbau, weil es die meisten betrifft. Und dann sagt die Führungskraft: Ja, warum wird denn hier über Stellenabbau gesprochen? Das kann ich ja nun gar nicht verstehen. Also nur weil ich es gesagt habe? Nur weil es da irgendwo steht? War doch bloß ein Arbeitspapier. Es muss klar sein, was da rausgeht. Das muss auch kommentiert werden.
Es hätte ohne Probleme hätte man sagen können: Wir haben ein Arbeitspapier, darin sind 7 Optionen. Punkt. Und dann ist klar, dass darüber weniger gesprochen wird. Das heißt, Klarheit muss sehr früh erzeugt werden. Denn was ansonsten passiert: Wenn irgendwo eine kommunikative Lücke ist, betreiben Menschen etwas, das nennt sich Sensemaking. Die versuchen, die Lücke, die dort ist, zu schließen.
Und dieses Sensemaking, ich gebe mal ein ganz simples Beispiel: Sensemaking heißt, man möchte versuchen, dass es Sinn ergibt. Wenn ich jetzt so etwas sagen würde wie: Kommen Sie mal am Montag ins Büro von der Chefin, vom Chef. Die müssen was mit Ihnen besprechen. Aber jetzt erst mal ein schönes Wochenende. So. Dann kann ich natürlich sagen: Ich habe doch gar nicht gesagt, dass es was Negatives ist. Habe ich doch überhaupt nicht gesagt. Es kommt der Overthinking-Effekt dazu. Den haben wir bereits in anderen Folgen hier behandelt.
Sensemaking kommt dazu. Es ist ganz wichtig, dieses Sensemaking. Leute versuchen, die Lücke zu schließen. Und wenn die Führungskraft es nicht schafft, dann werden andere Leute es tun. Die Lücke, die gelassen wird, wird sofort adressiert, ob man es möchte oder nicht. Und die Frage ist jetzt: Wie geht es besser? Wenn man es wirklich besser machen möchte.
Das Erste ist immer, und das sollte natürlich immer das Erste sein, was Sie in Anspruch nehmen sollten: Denken Sie daran, in der Kommunikation: Man kann sich professionell begleiten lassen. Und das ist für alle verfügbar. Und die Professionalität mit der Zeit sollte man sich dann auch selber angewöhnen. Und wenn Sie jetzt sagen: Ich bin darin nicht so gut, wir haben ja ein paar Führungskräfte in der Politik, wir haben ein paar Führungskräfte in der freien Wirtschaft, wir haben ein paar Führungskräfte im Mittelstand, in kleinen Betrieben, im öffentlichen Dienst, die darin nicht so gut sind, es gibt Hilfe da draußen.
Es ist wirklich so. Und wichtig ist: Wenn Sie jetzt keine Person öffentlichen Interesses sind, dann müssen Sie sich öffentlich zu gar nichts äußern, logischerweise. Aber innerhalb Ihrer Bubble, da äußert man sich, es sei denn, die Menschen sind Ihnen einfach egal. Dann können Sie sagen: Interessiert mich nicht.
Aber dann bitte eben auch nicht wundern, wenn die Leute auch sagen, dass Sie denen auch egal sind. So. Es gibt da draußen Hilfe. Und diese Hilfe ist dann bitte auch in Anspruch zu nehmen.
Denn eins ist klar: Wir brauchen eine Kommunikation in geschlossenen Kreisen. Und geschlossene Kreise heißt nicht die Empfängergruppe,
sondern geschlossene Kreise, dass die Botschaft anfängt. Und wenn man sagt, am Ende ist die Botschaft zu Ende, ergibt sich ein geschlossenes Bild, wo Menschen sagen: Damit kann ich jetzt erst mal was anfangen, ohne in Panik zu verfallen, ohne Fragezeichen zu haben, ohne irgendetwas zu haben, wo ich sage: Ab morgen wird es wieder schlechter.
Wenn die Menschen in der Politik sagen würden: Wir überlegen uns Steuererhöhungen, dann wird danach nicht mehr geglaubt, dass das nicht passiert. Wenn jemand sagt: Wir überlegen uns Steuererhöhungen für Menschen, die mehr als 10 Häuser besitzen, mit mehr als 100 Millionen Privatvermögen, im Bereich von 0,1 bis 0,3 Prozent, haben wir eine völlig andere Diskussion, als wenn jemand sagt: Steuererhöhungen sind derzeit notwendig. Und deswegen kommunizieren Sie in geschlossenen Kreisen. Denn wenn Sie es so machen, wie wir es hier besprochen haben, dann wird auch alles besser, auch in Ihrer Organisation. Und dabei wünsche ich Ihnen viel Erfolg, das in Ihrer Organisation entsprechend umzusetzen. Und wenn Sie jetzt sagen: Hm, da habe ich doch ein paar Punkte, sehr gerne mich kontaktieren.
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